Auswertung der InMoBS-Fragebogenaktion

1 Dank an die Teilnehmer

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank, dass Sie sich im Februar/März 2013 Zeit für die Teilnahme an der Frage­bogen­aktion des Forschungs- und Entwicklungsprojektes InMoBS (Innerstädtische Mobilitäts­unterstützung für Blinde und Sehbehinderte; www.inmobs.de) und des DBSV genommen haben.

Durch Ihr Engagement für die Umfrage leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Gewinnung neuer Erkenntnisse über die Bedürfnisse Blinder und Sehbehinderter im Straßenverkehr. Sie tragen durch Ihr Expertenwissen außerdem dazu bei, dass im Projektverlauf von InMoBS eine für Betroffene im Endeffekt tatsächlich sichere, hilfreiche und akzeptierte Navigationshilfe entstehen kann.

Im Folgenden finden Sie die zentralen Ergebnisse der Mobilitätsumfrage, die sich auf die Themenbereiche beziehen:

Außerdem werden am Ende in einem Fazit die für InMoBS wichtigsten, aus den Ergebnissen abgeleiteten weiteren Projektschritte vorgestellt.

2 Ergebnisse

2.1 Wer hat teilgenommen?

In die Auswertungen einbezogen werden konnten insgesamt 719 Teilnehmer. Unter diesen waren gemäß Selbstauskunft 68 % blind, 14 % hochgradig sehbehindert beziehungsweise sehbehindert und 18 % „unklar“, das heißt sie konnten keinem „Sehstatus“ eindeutig zugeteilt werden. Das Alter der Teilnehmer lag zwischen 10 und 87 Jahren und betrug im Durchschnitt 49 Jahre. Unter den Teilnehmer waren 57 % männlich und 43 % weiblich.

An der Fragebogenaktion haben Betroffene aus der ganzen Bundesrepublik Deutschland (BRD) teilgenommen. Nordrhein-Westfalen wurde mit 17 % der Gesamtteilnehmer „Spitzenreiter“, im „Mittelfeld“ lag zum Beispiel Niedersachsen mit 9 %, „Schlusslicht“ wurde Bremen mit 1 % und als „Specials“ kam 1 % der Teilnehmer aus der Schweiz.

Nach ihrer aktuellen Situation gefragt gab mit 37 % ein Großteil der Teilnehmer an, zu „Angestellten/Beamten“ und mit 29 % zu „Rentnern/Pensionären“ zu gehören. Als „dauerhaft Erwerbsunfähige“ oder als „sich in diversen Ausbildungen Befindende“ bezeichneten sich jeweils 9 % der Teilnehmer.

Über Sehbeeinträchtigungen hinaus gehende körperliche Beeinträchtigungen lagen bei 76 % der Teilnehmer nicht vor, bei 24 % jedoch schon.

Eine uneingeschränkte Orientierung im Straßenverkehr war für 52 % der Teilnehmer bislang nie möglich. Weitere 48 % konnten dies zumindest zeitweilig uneingeschränkt tun. An Trainings in Orientierung und Mobilität hatten zum Zeitpunkt der Umfrage 79 % der Teilnehmer teilgenommen. Weitere 21 % hatten hiermit bislang keine Erfahrungen.

2.2 Welche Funktionen und Bedieneigenschaften werden gewünscht?

Im Folgenden werden zunächst die Ergebnisse für alle Teilnehmer, dann getrennt für Blinde und für hochgradig Sehbehinderte beziehungsweise Sehbehinderte dargestellt. Zunächst geht es dabei um allgemeine Funktionen und Bedieneigenschaften, die gewünscht werden, dann speziell um die Navigation.

2.2.1 Alle Teilnehmer

Gefragt nach Funktionen und Bedieneigenschaften, die ein ideales Navigationssystem „unbedingt“ haben sollte, gaben 96 % der Teilnehmer aller „Sehstatus“-Gruppen (Abbildung 01) eine zuverlässige Navigation an. Die Bedienung per Sprachausgabe wünschten sich 88 %, eine grundsätzlich möglichst einfache Handhabung 84 % der Teilnehmer. Als außerdem sehr wichtig wurden von 80 % der Betroffenen eine präzise Standortbestimmung beziehungsweise eine Hausnummernavigation und von 76 % Handlichkeit und Leichtigkeit des Systems eingeschätzt. Weitere 74 % der Teilnehmer sahen Bedarf in einer Home-, 68 % in einer Favoriten-Funktion. Zusätzlich wurden von 67 % der Teilnehmer eine häufige Routenaktualisierung und von 64 % die Ansage von (Roll-)Treppen, Unterführungen und Ähnlichem als „unbedingt notwendig“ bewertet.

[Graphik: Anzahl Nennungen für „unbedingt notwendige“ Bedieneigenschaften – alle Teilnehmer]

Abbildung 01: „unbedingt notwendig“ – alle Teilnehmer (Graphik anklicken zum Vergrößern)

2.2.2 Blinde

Bei den Blinden konnten „unbedingt notwendige“ Funktionen und Bedieneigenschaften speziell für Kreuzungen (Abbildung 02) und allgemeinerer Art (Abbildung 03) unterschieden werden.

Für Kreuzungen empfanden demnach jeweils 72 % der Teilnehmer die Ansage von Querungshilfen inklusive ihrer Ausstattung sowie zusätzlicher Kreuzungsinformationen (zum Beispiel, wie viele und welche Straßen zu ihr gehören) als absolut wichtig. Die frühzeitige Ansage von Kreuzungen an sich und auch die aktuelle Distanz zu ihr wünschten sich 68 % der Blinden. Über die Anzahl von Fahrstreifen und Mittelinseln wollten 66 %, die Kreuzungsart (zum Beispiel symmetrischer Aufbau) 65 %, Ampelphasen und ihre Dauer 60 % und allgemein das Vorhandensein von Mittelinseln 59 % der Teilnehmer unbedingt informiert werden.

[Graphik: Anzahl Nennungen für „unbedingt notwendige“ Bedieneigenschaften für Blinde bzgl. Kreuzungen]

Abbildung 02: „unbedingt notwendig“ – Blinde bzgl. Kreuzungen (Graphik anklicken zum Vergrößern)

Als weitere „unbedingt notwendige“ Funktionen und Bedieneigenschaften benannten 71 % der blinden Teilnehmer die Ansage von Straßennamen beim Betreten neuer Straßen. Während des Begehens einer Route wollten 66 % unter ihnen außerdem die Möglichkeit haben, ein neues Ziel zu wählen. Über Fußwege vor allem auch in weitläufigeren und für die Orientierung deshalb schwierigeren Gebieten wie zum Beispiel der Innenstadt oder Parks wollten 62 % der Blinden informiert werden. Darüber hinaus wollten 61 % die Möglichkeit haben, den aktuellen Standort zu markieren. Namentliche Ankündigungen von Querstraßen auf der Route und die Möglichkeit zur Eingabe per Tastendruck wünschten sich jeweils 53 %, Richtungsangaben nach Uhrzeit (zum Beispiel „auf drei Uhr befindet sich das Rathaus“) 51 % der Betroffenen.

[Graphik: Anzahl Nennungen für „unbedingt notwendige“ Bedieneigenschaften für Blinde bzgl. weiterer Funktionen]

Abbildung 03: „unbedingt notwendig“ – Blinde bzgl. weiterer Funktionen (Graphik anklicken zum Vergrößern)

2.2.3 (Hochgradig) Sehbehinderte

Die hochgradig Sehbehinderten beziehungsweise Sehbehinderten (Abbildung 04) nannten bei „unbedingt notwendigen“ Funktionen und Bedieneigenschaften mit 57 % an erster Stelle die Möglichkeit zur Spracheingabe. Jeweils weitere 48 % bewerteten die Ansage von Ampelphasen und ihrer Dauer sowie die Ansage von Straßenbahnschienen als sehr wichtig. Die Möglichkeit, von einer geplanten Route abzuweichen und die Ansage von Querungs­hilfen inklusive ihrer Ausstattung schätzten jeweils 47 % der Teilnehmer als „unbedingt notwendig“ ein.

[Graphik: Anzahl Nennungen für „unbedingt notwendige“ Bedieneigenschaften für (hochgradig) Sehbehinderte]

Abbildung 04: „unbedingt notwendig“ – (hochgradig) Sehbehinderte (Graphik anklicken zum Vergrößern)

2.2.4 Genauigkeit der Navigation

Bei der Frage nach der gewünschten Genauigkeit der Navigation (Abbildung 05) gaben 39 % der Teilnehmer an, eine bis zu einem Meter genaue Navigation zu bevorzugen. Weitere 30 % wünschten schrittgenau, 24 % ein bis fünf Meter, 4 % fünf bis 10 Meter und 2 % 10 bis 20 Meter genau navigiert zu werden.

[Graphik: Anzahl Nennungen für die Gewünschte Genauigkeit der Navigation – alle Teilnehmer]

Abbildung 05: Gewünschte Genauigkeit der Navigation – alle Teilnehmer (Graphik anklicken zum Vergrößern)

2.3 Welche Erfahrungen haben die Teilnehmer mit technischen Geräten?

Im Folgenden wird dargestellt, welche Erfahrungen die Teilnehmer bislang mit technischen Geräten haben. Hierbei geht es zunächst um Navigationsgeräte, Handys, Smartphones, Computer, Laptop oder Ähnliches, dann um Geräte, über welche die Teilnehmer gegebenenfalls das Internet nutzen.

2.3.1 Navigationsgeräte

Die Daten zeigten, dass mit 63 % ein Großteil der Teilnehmer kein Navigationsgerät (Abbildung 06) besaß. Wenn solche Geräte doch verfügbar waren, erfolgte der Umgang von 22 % der Betroffenen autonom (also selbstständig) und in 9 % mit Hilfe. Die konkrete Anwendung verlief mit 23 % bei den meisten Teilnehmer auditiv (zum Beispiel per Sprachausgabe). Verbal (zum Beispiel per Spracheingabe) bedienten 14 %, taktil (zum Beispiel per Tastendruck) 10 % und visuell (zum Beispiel über einen Sehrest) 6 % ein Navigationsgerät.

[Graphik: Anzahl Nennungen für den Umgang mit Navigationsgeräten – alle Teilnehmer]

Abbildung 06: Umgang mit Navigationsgeräten – alle Teilnehmer (Graphik anklicken zum Vergrößern)

2.3.2 Handys

Handys (Abbildung 07) waren mit 14 % bei nur wenigen Teilnehmer nicht vorhanden. Unter den 86 % an Handybesitzern bedienten 61 % das Gerät autonom und 11 % mit Hilfe. Im Einzelnen erfolgte der Umgang mit 41 % vor allem auditiv. Taktil bedienten 30 %, verbal 18 % und visuell 12 % Handys.

[Graphik: Anzahl Nennungen für den Umgang mit Handys – alle Teilnehmer]

Abbildung 07: Umgang mit Handys – alle Teilnehmer (Graphik anklicken zum Vergrößern)

2.3.3 Smartphones

Smartphones (Abbildung 08) waren mit 59 % bei etwas mehr als der Hälfte aller Teilnehmer nicht vorhanden. Wenn sie doch persönlich verfügbar waren, erfolgte der Umgang in 28 % der Fälle autonom und in 6 % der Fälle mit Hilfe. Die konkrete Bedienung verlief bei 27 % der Teilnehmer auditiv, bei 18 % verbal und bei jeweils 10 % taktil oder visuell.

[Graphik: Anzahl Nennungen für den Umgang mit Smartphones – alle Teilnehmer]

Abbildung 08: Umgang mit Smartphones – alle Teilnehmer (Graphik anklicken zum Vergrößern)

2.3.4 Computer, Laptop oder Ähnliches

Mit 10 % war nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen kein Computer, Laptop oder ein ähnliches Gerät (Abbildung 09) vorhanden. Unter den 90 % der Personen, die solche Geräte besaßen, bediente mit 60 % wiederum ein Großteil unter ihnen die Geräte autonom. Nur 17 % benötigten hierfür Hilfe. Im Einzelnen erfolgte der Umgang in 54 % der Fälle auditiv, in 46 % taktil, in 21 % visuell und in 18 % verbal.

[Graphik: Anzahl Nennungen für den Umgang mit Computer, Laptop oder Ähnlichem – alle Teilnehmer]

Abbildung 09: Umgang mit Computer, Laptop oder Ähnlichem – alle Teilnehmer (Graphik anklicken zum Vergrößern)

2.3.5 Internet

Unter den Teilnehmer, die in irgendeiner Form das Internet (Abbildung 10) nutzten, bedienten es 98 % per Computer, Laptop oder mit einem ähnlichen Gerät. Mit 36 % verhältnismäßig wenige Teilnehmer nutzten ein Smartphone als Zugangsmedium für das Internet.

[Graphik: Anzahl Nennungen für das Zugangsmedium für das Internet – alle Teilnehmer]

Abbildung 10: Zugangsmedium für das Internet – alle Teilnehmer

3 Fazit für InMoBS

Die Daten der Fragebogenaktion wurden anhand einer großen Personengruppe gewonnen, die sich über die gesamte BRD verteilt. Die Ergebnisse sind daher als aussagekräftig zu bewerten und für InMoBS gut verwendbar. Sie stimmen außerdem sehr gut mit den bereits in InMoBS durchgeführten Untersuchungen überein und ergänzen diese sinnvoll.

Im weiteren Projektverlauf muss nun im Detail geklärt werden, wie die Wünsche und Anforderungen Blinder und hochgradig Sehbehinderter beziehungsweise Sehbehinderter im Navigationssystem konkret umgesetzt werden. Dazu werden fortlaufend weitere Daten­erhebungen (zum Beispiel bei der Bedienung des InMoBS-Systems am Smartphone oder am Computer) durchgeführt, um die Anforderungen der Betroffenen bestmöglich im InMoBS-System umzusetzen.

InMoBS wird versuchen, die gewünschte Genauigkeit der Navigation so gut wie möglich herzustellen. Dies hängt jedoch auch von Umständen ab, auf die InMoBS nur begrenzt Einfluss hat, so zum Beispiel von aktuell verfügbaren Navigationssatellitensystemen. Hier wird aber nach zusätzlichen Lösungen gesucht.

Die Daten, die den bisherigen Umgang der Teilnehmer mit technischen Geräten beschreiben, machen die Wichtigkeit von Nutzerschulungen deutlich. Vor allem die für InMoBS besonders wichtigen Navigationsgeräte und Smartphones waren bei den Teil­nehmern der Befragung relativ selten vorhanden. Außerdem wurden sie deutlich seltener als Zugangsmedium für das Internet verwendet. Um mögliche Blockaden, Berührungsängste und Abhängigkeiten von Anderen abzubauen sowie den Einstieg in den Umgang mit neuen Technologien und speziell mit dem InMoBS-System zu erleichtern, werden bei InMoBS ausführliche Nutzerworkshops eingeplant. Hierbei, ebenso wie bei allen anderen Entwicklungen, wird InMoBS darauf achten, Barrierefreiheit bestmöglich sicher­zustellen und die Meinung der Betroffenen zu berücksichtigen.

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